Bereits zum zweiten Mal sollte es am heutigen Tag auf den
höchsten Berg der Insel gehen, wobei unsere letzte Besteigung 2021 war und über
die Südseite von Lozzi aus auf den Gipfel führte. Diesmal sollte es von Haut-Asco
aus nordseitig hinaufgehen. Und da wir Freunde von Rundwanderungen sind, hat
Harald eine Route rausgesucht, welche wir machen können - 2000 Höhenmeter und
16.5 Kilometer sollten es sein. Also ein gut ausgefüllter Tag. Um auch genügend
Zeit zu haben, standen wir bereits um 07:15 Uhr auf und nach dem Frühstück verliessen
wir den geschlossenen Camping und fuhren hinauf nach Haut-Asco. Dort starteten
wir gegen 08:20 Uhr. Und wir waren bei weitem nicht die ersten, die loswanderten.
Zuerst ging der Weg gemächlich in Richtung Talschluss, alsbald schlängelt er
sich aber immer steiler hinauf. Es sind einfache Kletterpassagen zu bewältigen,
die häufig mit Ketten entschärft sind, da hier der GR20 durchführt. Anscheinend
ist der GR20 der schwierigste Weitwanderweg von Europa, was wir am Ende des
Tages recherchiert hatten.
Aber alles der Reihe nach: Von hinten rollten wir
das Wanderfeld auf, es waren aber auch viele mit schwerem Rucksack unterwegs
und wir nur mit leichtem Gepäck, sodass wir schneller vom Fleck kamen. Einmal
schlossen wir auf zwei junge Männer auf, welche pausierten, aber kaum waren wir
noch zwei Meter von ihnen entfernt, marschierten sie wieder zügigen Schrittes los.
Ich war gespannt, wie lange die beiden ihr Tempo halten können. Nach nicht mal
50 Metern war schon Schluss – einer der beiden war durch den kurzen „Sprint“
fix und fertig und kurz vor dem Kollaps. Gemächlich überholten wir und weiter
gings bergaufwärts. (Randbemerkung: Als wir vom Gipfel abstiegen, kamen uns die
beiden entgegen, bzw. nur noch einer der beiden, der andere sass am Wegrand und
hat wohl kapituliert...) Nach gut 1.5 Stunden querten wir unter der Bocca Borba,
welche wir bereits vom Vortag kannten. Heute allerdings bei blauem Himmel und ohne
Wind – nur auf die Sonne mussten wir noch ein wenig warten. Steil ging es in
Richtung Lac d’Argentu weiter, welchen wir aus der Ferne betrachteten – eher ein
Tümpel als ein See. Dann gings erneut steil hinauf, bevor wir nach gut 2h20min
den Sattel auf 2600m erreichten und die ersten Sonnenstrahlen des Tages
geniessen konnten.
Wir dachten, es sei jetzt nur noch ein Katzensprung auf den
Monte Cinto, wurden aber eines Besseren belehrt. Der Weg führte erst hinab,
dann wieder hinauf, dann wieder hinab, dann wieder hinauf – gefühlt 100x. So
brauchten wir für die „paar Meter“ dann doch noch einige Zeit und standen schliesslich
nach 3h Gesamtzeit auf dem höchsten Berg Korsikas. Und dort tummelte sich schon
so ziemlich viel anderes Volk, welches sich direkt am Gipfel ausgebreitet hat,
um dort zu jausnen. Wir suchten uns ein schönes Plätzchen etwas abseits des
Gipfels, wo wir bei toller Fernsicht, kaum Wind und Sonnenschein unsere Mittagsrast
einlegten. Nach einer halben Stunde packten wir allerdings wieder zusammen,
hatten wir doch noch einen längeren Weiterweg vor uns.
Zuerst ging es wieder die 40 Minuten zurück zum Sattel, wobei
wir doch etwas schneller waren. Von dort aus ging es dann dem GR20 weiter entlang
in die Bocca Crucetta auf 2456m und schliesslich ins Crucetta-Tal hinab.
Wunderschöne Herbstfarben empfingen uns und im Hintergrund thronte die Paglia
Orba, welche wir ebenfalls vor vier Jahren bestiegen hatten. Der Abstieg war mühsam,
aber das haben Abstiege ja so an sich, vor allem, wenn es sich um 800
Höhenmeter handelt! Nachdem wir endlich die Abstiegsmeter hinter uns gelassen
hatten, erreichten wir das Refuge de Tighiettu, von wo aus der alte GR20 zurück
nach Haute-Asco führen sollte. Warum es sich um den alten GR20 handelte, war
uns nicht bewusst. Aber GR20 bedeutete für uns, dass der Weg problemlos zu
machen sein sollte. Beim Refuge de Tighiettu stärkten wir uns nochmals kurz mit
Apfel und Biber, ging es ab hier wieder 600 Höhenmeter hinauf. Der Weg und auch
die alten Markierungen des GR20 waren gut erkennbar. Trotz der bereits müden Oberschenkel
stiegen wir zügig auf und konnten uns noch über den Besuch eines Mufflons
erfreuen.
Als wir schliesslich die Bocca Minuta auf 2218m erreichten,
stand ich schon ein wenig mit offenem Mund da, denn damit hatte ich nicht
gerechnet. Ich hatte im Vornherein zwar im Rother-Wanderführer gelesen, dass der
Übergang vom Col Perdu zur Bocca Minuta schwierig sei (Escalade difficile! ß
mit Ausrufezeichen im Führer), aber das ist ja meistens subjektiv. Nun hatte
ich allerdings das Gefühl, in einen tiefen Abgrund zu schauen, und wären wir
nicht schon fast 7h und 2000 Höhenmeter unterwegs gewesen, hätte ich eine
Kehrtwende gemacht und wäre wieder zurückgegangen. Nun blieb aber nur noch die
Flucht nach vorne bzw. in unserem Sinne hinunter. Und zwar steil hinunter! Wir
schauten uns an und wussten, dass wir uns unbedingt an den alten Markierungen
orientieren mussten, um ja die richtige Rinne zu finden und dem folgen, was
einst der Weg gewesen war. Vorsichtig stiegen wir immer tiefer hinunter,
zweimal verstiegen wir uns und mussten einen zweiten Anlauf nehmen. Weit sah
man nie, da immer wieder fast senkrechte Abschnitte kamen, die überwunden
werden mussten. Höchste Konzentration war gefordert: Ausrutschen war keine
Option. Immer wieder erkannten wir Spuren ehemaliger Versicherungen, die
allerdings alle schon lange entfernt worden waren. Wir mutmassten, dass der Weg
umgelegt worden ist, da er doch einige Gefahren birgt und grad mit schwerem
Rucksack kein Zuckerschlecken war. Vor allem der Steinschlag barg unserer
Meinung nach ein hohes Gefahrenpotential, wird der GR20 ja doch von vielen
Leuten begangen.
Im Nachhinein habe ich dann gelesen, was der Grund für die
Verlegung des GR20 war. Die Schlucht, in die wir stiegen, nennt sich „Cirque de
la solitude“, also Zirkus der Einsamkeit. 2015 ereignete sich ein schwerer
Unfall – infolge starker Regenfälle kam es zu einem Erdrutsch, bei dem sieben
Wanderer ihr Leben verloren. Aufgrund dessen wurde der Weg für mehrere Jahre gesperrt,
der GR20 umgelegt und alle technischen Hilfsmittel entfernt.
Gut, hatte ich das alles nicht schon im Vornherein gelesen. So
stiegen wir vorsichtig über Felsabsätze und Platten abschüssig hinunter, bis
wir schliesslich auf die andere Schluchtseite queren konnten. Zum Glück war der
Fels trocken und die Bedingungen somit recht gut. Auf der anderen Seite ging es
dann erst einmal in einer Schotterrinne steil hinauf, ehe am Ende wieder
felsige Stufen zu überwinden waren, aber im Aufstieg ist das immer alles halb
so schlimm. Vor uns waren übrigens noch vier weitere Wanderer unterwegs, die
wir dann auf dem Col Perdu bzw. der Bocca Tumasginesca einholten. Ich war froh,
als wir den Punkt erreicht hatten, war es mental doch eine grosse Herausforderung
für mich. In den letzten Sonnenstrahlen stärkten wir uns noch einmal, ehe es
gemütlich auf einem schönen Weg zurück nach Haut-Asco ging. Kurz vor dem Ziel
führte uns der Weg an einem alten Skilift vorbei. Dieser wurde 1992 durch Schlammlawinen
zerstört. Anschliessend blieb das Skigebiet geschlossen, bis 2015 ein neuer,
kürzerer Skilift errichtet wurde (500m lang und 80m Höhendifferenz) und das
Skigebiet mit seinen 0.6 Pistenkilometer im Winter wieder geöffnet hat.
Nach 9h10min erreichten wir schliesslich müde, aber stolz,
unser Auto. Es waren schliesslich doch gut 2350 Höhenmeter und 18 Kilometer,
und das in technisch nicht so einfachem Gelände. Nun stand nur noch die
Rückfahrt nach Corte auf dem Programm, wollten wir an unserem letzten Tag
unsere Finger nochmals fordern. Zum Glück war die Strasse bis Ponte Leccia frei
und wir mussten keinem langsam Urlauber nachkriechen. Erst kurz vor Corte
wurden wir dann ausgebremst, aber da war es dann auch schon egal. Etwas mehr
als eine Stunde brauchten wir für die Fahrt und freuten uns dann erst einmal
auf eine heisse Dusche und anschliessend auf ein ausgiebiges Abendessen!
Manu
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| Start bei knapp 5 Grad in Haut-Asco. |
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| Langsam wird es wärmer, die Sonne drückt. |
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| Und so können wir uns die Jacken ausziehen. Nur der Fels ist noch recht kalt. |
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| Imposante Felstürme im Tal zum Monte Cinto. |
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| Und dann sehen wir plötzlich über die Berggipfel hinweg das Meer! |
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| Die Nordwände des Cintos sind mit Flechten überdeckt, die noch speziell wirken. |
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| Der neu angelegte GR20 hoch zum Pass, von wo weg man auf den Cinto kann. |
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| Zum zweiten Mal am Monte Cinto (2.706m) bei deutlich besserem Wetter. |
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| Blick vom Pass zum Monte Cinto im Hintergrund. Man braucht hier noch gut 40 Minuten rüber. |
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| Der Abstieg ins nächste Tal von der Bocca Cruchetta. Im Hintergrund der Paglia Orba. |
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| Schöner Fels, schöner Weg. |
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| Und je tiefer wir kommen, desto mehr Herbst gibt es. |
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| Nach dem Ref. Tighiettu steigen wir wieder an zur Bocca Minuta auf 2.218m. |
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| Geschafft. Schon über 2000hm in den Beinen. |
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| Und dann "böses" Erwachen. Blick von der Bocca in den "Cirque de la Solitude", dem schwersten Wegabschnitt des alten GR20. Bis zur nächsten Bocca rechts der Punta Rossa müssen wir. |
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| Teils ausgesetzt und abschüssig müssen wir einige Stellen abklettern, wo früher noch Sicherungen oder Leitern vorhanden waren. |
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| Aber wir meistern das auch ohne Hilfen. |
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| Der Anstieg zur Bocca Tumasginesca (Col Perdu) ist dann wieder schön sonnig und lustiger. |
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| Die letzten Meter hoch. |
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| Geschafft. Alle Schwierigkeiten hinter uns und nach knapp 2.400 Höhenmetern in den Beinen, geht es jetzt nur noch abwärts. |
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| Blick zurück zum Col Perdu. |
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| Der Monte Cinto bekommt noch schönes Abendlicht ab. |
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| Die Skilifte in Haut-Asco brauchen mal etwas Liebe. |