Donnerstag, 16. Oktober 2025

16.10.2025 - Monte Cinto (2.706m) und GR20 "ancien"

Bereits zum zweiten Mal sollte es am heutigen Tag auf den höchsten Berg der Insel gehen, wobei unsere letzte Besteigung 2021 war und über die Südseite von Lozzi aus auf den Gipfel führte. Diesmal sollte es von Haut-Asco aus nordseitig hinaufgehen. Und da wir Freunde von Rundwanderungen sind, hat Harald eine Route rausgesucht, welche wir machen können - 2000 Höhenmeter und 16.5 Kilometer sollten es sein. Also ein gut ausgefüllter Tag. Um auch genügend Zeit zu haben, standen wir bereits um 07:15 Uhr auf und nach dem Frühstück verliessen wir den geschlossenen Camping und fuhren hinauf nach Haut-Asco. Dort starteten wir gegen 08:20 Uhr. Und wir waren bei weitem nicht die ersten, die loswanderten. Zuerst ging der Weg gemächlich in Richtung Talschluss, alsbald schlängelt er sich aber immer steiler hinauf. Es sind einfache Kletterpassagen zu bewältigen, die häufig mit Ketten entschärft sind, da hier der GR20 durchführt. Anscheinend ist der GR20 der schwierigste Weitwanderweg von Europa, was wir am Ende des Tages recherchiert hatten. 

Aber alles der Reihe nach: Von hinten rollten wir das Wanderfeld auf, es waren aber auch viele mit schwerem Rucksack unterwegs und wir nur mit leichtem Gepäck, sodass wir schneller vom Fleck kamen. Einmal schlossen wir auf zwei junge Männer auf, welche pausierten, aber kaum waren wir noch zwei Meter von ihnen entfernt, marschierten sie wieder zügigen Schrittes los. Ich war gespannt, wie lange die beiden ihr Tempo halten können. Nach nicht mal 50 Metern war schon Schluss – einer der beiden war durch den kurzen „Sprint“ fix und fertig und kurz vor dem Kollaps. Gemächlich überholten wir und weiter gings bergaufwärts. (Randbemerkung: Als wir vom Gipfel abstiegen, kamen uns die beiden entgegen, bzw. nur noch einer der beiden, der andere sass am Wegrand und hat wohl kapituliert...) Nach gut 1.5 Stunden querten wir unter der Bocca Borba, welche wir bereits vom Vortag kannten. Heute allerdings bei blauem Himmel und ohne Wind – nur auf die Sonne mussten wir noch ein wenig warten. Steil ging es in Richtung Lac d’Argentu weiter, welchen wir aus der Ferne betrachteten – eher ein Tümpel als ein See. Dann gings erneut steil hinauf, bevor wir nach gut 2h20min den Sattel auf 2600m erreichten und die ersten Sonnenstrahlen des Tages geniessen konnten.

Wir dachten, es sei jetzt nur noch ein Katzensprung auf den Monte Cinto, wurden aber eines Besseren belehrt. Der Weg führte erst hinab, dann wieder hinauf, dann wieder hinab, dann wieder hinauf – gefühlt 100x. So brauchten wir für die „paar Meter“ dann doch noch einige Zeit und standen schliesslich nach 3h Gesamtzeit auf dem höchsten Berg Korsikas. Und dort tummelte sich schon so ziemlich viel anderes Volk, welches sich direkt am Gipfel ausgebreitet hat, um dort zu jausnen. Wir suchten uns ein schönes Plätzchen etwas abseits des Gipfels, wo wir bei toller Fernsicht, kaum Wind und Sonnenschein unsere Mittagsrast einlegten. Nach einer halben Stunde packten wir allerdings wieder zusammen, hatten wir doch noch einen längeren Weiterweg vor uns.

Zuerst ging es wieder die 40 Minuten zurück zum Sattel, wobei wir doch etwas schneller waren. Von dort aus ging es dann dem GR20 weiter entlang in die Bocca Crucetta auf 2456m und schliesslich ins Crucetta-Tal hinab. Wunderschöne Herbstfarben empfingen uns und im Hintergrund thronte die Paglia Orba, welche wir ebenfalls vor vier Jahren bestiegen hatten. Der Abstieg war mühsam, aber das haben Abstiege ja so an sich, vor allem, wenn es sich um 800 Höhenmeter handelt! Nachdem wir endlich die Abstiegsmeter hinter uns gelassen hatten, erreichten wir das Refuge de Tighiettu, von wo aus der alte GR20 zurück nach Haute-Asco führen sollte. Warum es sich um den alten GR20 handelte, war uns nicht bewusst. Aber GR20 bedeutete für uns, dass der Weg problemlos zu machen sein sollte. Beim Refuge de Tighiettu stärkten wir uns nochmals kurz mit Apfel und Biber, ging es ab hier wieder 600 Höhenmeter hinauf. Der Weg und auch die alten Markierungen des GR20 waren gut erkennbar. Trotz der bereits müden Oberschenkel stiegen wir zügig auf und konnten uns noch über den Besuch eines Mufflons erfreuen.

Als wir schliesslich die Bocca Minuta auf 2218m erreichten, stand ich schon ein wenig mit offenem Mund da, denn damit hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte im Vornherein zwar im Rother-Wanderführer gelesen, dass der Übergang vom Col Perdu zur Bocca Minuta schwierig sei (Escalade difficile! ß mit Ausrufezeichen im Führer), aber das ist ja meistens subjektiv. Nun hatte ich allerdings das Gefühl, in einen tiefen Abgrund zu schauen, und wären wir nicht schon fast 7h und 2000 Höhenmeter unterwegs gewesen, hätte ich eine Kehrtwende gemacht und wäre wieder zurückgegangen. Nun blieb aber nur noch die Flucht nach vorne bzw. in unserem Sinne hinunter. Und zwar steil hinunter! Wir schauten uns an und wussten, dass wir uns unbedingt an den alten Markierungen orientieren mussten, um ja die richtige Rinne zu finden und dem folgen, was einst der Weg gewesen war. Vorsichtig stiegen wir immer tiefer hinunter, zweimal verstiegen wir uns und mussten einen zweiten Anlauf nehmen. Weit sah man nie, da immer wieder fast senkrechte Abschnitte kamen, die überwunden werden mussten. Höchste Konzentration war gefordert: Ausrutschen war keine Option. Immer wieder erkannten wir Spuren ehemaliger Versicherungen, die allerdings alle schon lange entfernt worden waren. Wir mutmassten, dass der Weg umgelegt worden ist, da er doch einige Gefahren birgt und grad mit schwerem Rucksack kein Zuckerschlecken war. Vor allem der Steinschlag barg unserer Meinung nach ein hohes Gefahrenpotential, wird der GR20 ja doch von vielen Leuten begangen.

Im Nachhinein habe ich dann gelesen, was der Grund für die Verlegung des GR20 war. Die Schlucht, in die wir stiegen, nennt sich „Cirque de la solitude“, also Zirkus der Einsamkeit. 2015 ereignete sich ein schwerer Unfall – infolge starker Regenfälle kam es zu einem Erdrutsch, bei dem sieben Wanderer ihr Leben verloren. Aufgrund dessen wurde der Weg für mehrere Jahre gesperrt, der GR20 umgelegt und alle technischen Hilfsmittel entfernt.

Gut, hatte ich das alles nicht schon im Vornherein gelesen. So stiegen wir vorsichtig über Felsabsätze und Platten abschüssig hinunter, bis wir schliesslich auf die andere Schluchtseite queren konnten. Zum Glück war der Fels trocken und die Bedingungen somit recht gut. Auf der anderen Seite ging es dann erst einmal in einer Schotterrinne steil hinauf, ehe am Ende wieder felsige Stufen zu überwinden waren, aber im Aufstieg ist das immer alles halb so schlimm. Vor uns waren übrigens noch vier weitere Wanderer unterwegs, die wir dann auf dem Col Perdu bzw. der Bocca Tumasginesca einholten. Ich war froh, als wir den Punkt erreicht hatten, war es mental doch eine grosse Herausforderung für mich. In den letzten Sonnenstrahlen stärkten wir uns noch einmal, ehe es gemütlich auf einem schönen Weg zurück nach Haut-Asco ging. Kurz vor dem Ziel führte uns der Weg an einem alten Skilift vorbei. Dieser wurde 1992 durch Schlammlawinen zerstört. Anschliessend blieb das Skigebiet geschlossen, bis 2015 ein neuer, kürzerer Skilift errichtet wurde (500m lang und 80m Höhendifferenz) und das Skigebiet mit seinen 0.6 Pistenkilometer im Winter wieder geöffnet hat.

Nach 9h10min erreichten wir schliesslich müde, aber stolz, unser Auto. Es waren schliesslich doch gut 2350 Höhenmeter und 18 Kilometer, und das in technisch nicht so einfachem Gelände. Nun stand nur noch die Rückfahrt nach Corte auf dem Programm, wollten wir an unserem letzten Tag unsere Finger nochmals fordern. Zum Glück war die Strasse bis Ponte Leccia frei und wir mussten keinem langsam Urlauber nachkriechen. Erst kurz vor Corte wurden wir dann ausgebremst, aber da war es dann auch schon egal. Etwas mehr als eine Stunde brauchten wir für die Fahrt und freuten uns dann erst einmal auf eine heisse Dusche und anschliessend auf ein ausgiebiges Abendessen!

Manu

Start bei knapp 5 Grad in Haut-Asco.

Langsam wird es wärmer, die Sonne drückt.

Und so können wir uns die Jacken ausziehen. Nur der Fels ist noch recht kalt.

Imposante Felstürme im Tal zum Monte Cinto.

Und dann sehen wir plötzlich über die Berggipfel hinweg das Meer!

Die Nordwände des Cintos sind mit Flechten überdeckt, die noch speziell wirken.

Der neu angelegte GR20 hoch zum Pass, von wo weg man auf den Cinto kann.

Zum zweiten Mal am Monte Cinto (2.706m) bei deutlich besserem Wetter.

Blick vom Pass zum Monte Cinto im Hintergrund. Man braucht hier noch gut 40 Minuten rüber.

Der Abstieg ins nächste Tal von der Bocca Cruchetta. Im Hintergrund der Paglia Orba.

Schöner Fels, schöner Weg.

Und je tiefer wir kommen, desto mehr Herbst gibt es.

Nach dem Ref. Tighiettu steigen wir wieder an zur Bocca Minuta auf 2.218m.

Geschafft. Schon über 2000hm in den Beinen.

Und dann "böses" Erwachen. Blick von der Bocca in den "Cirque de la Solitude", dem schwersten Wegabschnitt des alten GR20. Bis zur nächsten Bocca rechts der Punta Rossa müssen wir.

Teils ausgesetzt und abschüssig müssen wir einige Stellen abklettern, wo früher noch Sicherungen oder Leitern vorhanden waren.

Aber wir meistern das auch ohne Hilfen.

Der Anstieg zur Bocca Tumasginesca (Col Perdu) ist dann wieder schön sonnig und lustiger.

Die letzten Meter hoch.

Geschafft. Alle Schwierigkeiten hinter uns und nach knapp 2.400 Höhenmetern in den Beinen, geht es jetzt nur noch abwärts.

Blick zurück zum Col Perdu.

Der Monte Cinto bekommt noch schönes Abendlicht ab.

Die Skilifte in Haut-Asco brauchen mal etwas Liebe.


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